Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres gibt es sehr viele Aktionen und Projekte in unserer Stadt unter dem Motto: „See the unseen“. Was läge da näher, als blinden Menschen aus ganz Europa Chemnitz aus unserer Perspektive zu zeigen? Wir freuen uns besonders über die gute Zusammenarbeit mit anderen Vereinen der Selbsthilfe, dem „Weißer Stock e.V.“, sowie der Kreisorganisation Chemnitz/Stollberg des BSV Sachsen e.V.
Am Wochenende über Christi Himmelfahrt konnten wir 24 Teilnehmende aus Belgien, Norwegen, England, Albanien, Italien, Polen und Tschechien begrüßen. Es gelang uns, alle Gäste in Gastfamilien von Blinden Chemnitzern unterzubringen.
Manche Gäste kamen schon am Dienstag oder Mittwoch an, das offizielle Programm begann am Donnerstag Nachmittag. Wir trafen uns zum ersten Kennenlernen im Umweltzentrum. Das erste Zusammentreffen aller Gäste und Gastgeber im großen Veranstaltungsraum wurde laut und zugegeben auch etwas chaotisch. Aber wir hatten Glück mit dem Wetter und konnten den Rest des Tages vorwiegend draußen verbringen. Wir tauschten uns über unsere Erwartungen aus, lernten einander ein wenig kennen und spielten entweder draußen Showdown, oder auch im Veranstaltungsraum Gesellschaftsspiele. Abends machten einige noch das Chemnitzer Nachtleben unsicher, andere verbrachten die Zeit mit ihren Gastgebern.
Am Freitag Vormittag gab es eine Stadtführung. Die Stadtführerinnen gaben sich viel Mühe, sie gestalteten die Tour auf Englisch und hatten auch manches zum Tasten dabei. Nicht nur die Gäste, sondern auch die Gastgeber haben dabei manches dazu gelernt.
Am Nachmittag gab es für die meisten der Teilnehmenden die Gelegenheit, das Rehabilitationszentrum für Blinde im Allgemeinen, und die Landesschule für Blinde und Sehbehinderte im Speziellen zu besuchen. 2 unserer Gastgeberinnen sind Dort Lehrerinnen und konnten sich mit den Gästen darüber austauschen, wie blinde Kinder und Jugendliche unterrichtet werden. Auch das Denkmal der grauen Busse, das an die Deportation und Tötung vieler behinderter Menschen im Nationalsozialismus erinnert, wurde besucht. Und natürlich blieb auch Zeit, durch das wunderbar grüne Gelände zu spazieren.
Für den Abend hatten die Mitglieder der Kreisorganisation Chemnitz/Stollberg einen Grillabend für alle Vorbereitet. Neben leckerem Essen lieferte Thomas Valentin aus Leipzig dazu Lieder zur Gitarre. Aber er musizierte nicht lange allein: Gäste aus Norwegen und Tschechien schlossen sich an und spielten ebenfalls auf. Einige hatten sich nach dem Essen für einen Barbesuch entschieden, dabei wurde wohl auch leidenschaftlich gesungen.
Für den Samstag Vormittag hatten wir 2 verschiedene Aktivitäten vorbereitet. Eine Gruppe besuchte das SMAC. Unter Leitung von einem der Gastgeber und einem Historiker, der ebenfalls zum Verein gehört. Es gab sehr viel zu entdecken und die Zeit hat kaum gereicht. Vielleicht wäre hier doch eine Führung am Ende die bessere Wahl gewesen.
Die Andere Gruppe betätigte sich sportlich und beanspruchte vor allem die Beinmuskeln, zunächst auf dem Tandem und dann auf dem Tretboot auf dem Chemnitzer Schlossteich. In den Booten kamen dann auch wieder Gruppen zustande, die sich sonst so vielleicht nicht gebildet hätten und es kam neben der beabsichtigten Bewegung auch zu guten Gesprächen und spannendem Austausch.
Die Beteiligten am Konzert in der Holzkirche waren jedoch anderweitig beschäftigt. Ganz im Sinne des Europawochenendes wurde das Konzert nicht nur von Musikern aus Chemnitz, sondern auch von Gästen aus Polen mit bestritten. Im Vorfeld gab es einige Unsicherheiten und die Aufregung stieg ins Unermessliche: Krankheitsbedingt konnten die Moderatoren vom Ohrfunk nicht live vor Ort sein, sodass eine komplizierte Schaltung ermöglicht werden musste. Kurz vorher haben wir Erfahren, dass die Holzkirche doch kein Mischpult zur Verfügung stellen konnte, sodass wir auf schnellstem Wege Ersatz besorgen mussten… Wir Musiker hatten nur 2 Probe-Zoom-Treffen im Vorhinein und wenig Zeit, wirklich live gemeinsam zu üben…
Am Ende ging doch alles gut. Bis auf den einen oder anderen Patzer hat alles geklappt, sogar die Schaltung zum Ohrfunk und die aus der Ferne zugeschaltete Moderation funktionierte. Das Publikum war sehr warmherzig und hat richtig Stimmung gemacht. Und das Ganze ist glaube ich bei allen recht gut angekommen. Das Konzert wurde auf Ohrfunk.de live übertragen.
Einen Höreindruck des Konzerts gibt es hier.
Am Sonntag galt es dann, Abschied zu nehmen. Wer Lust und Zeit hatte, konnte noch einen inklusiven Gottesdienst mit Übersetzungen ins Englische und Liedtexten in Braille miterleben, den die freie evangelische Gemeinde Chemnitz ebenfalls im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres organisiert hatte. Einige Teilnehmende und Gastgeber nutzten dieses Angebot und zeigten sich sehr begeistert.
Und dann war das lange vorbereitete Event auf einmal wieder vorbei…
Da leider keine Zeit für eine Feedbackrunde blieb, mussten wir es uns im Nachhinein einholen. Es macht uns schon ein wenig stolz, dass es hauptsächlich Lob war, welches uns dabei erreichte.
Als eines unserer Mitglieder Anfang 2024 die Idee eingebracht hatte, war mein erster Gedanke, dass so ein Projekt vielleicht doch eine Nummer zu groß für uns sei. Wir sind alle berufstätig und gut beschäftigt. Wie sollten wir da so eine Vorbereitung schaffen? Aber – ich habe mich geirrt. So etwas geht! Wir waren etwa 10 Menschen im Organisationsteam, davon nur 2 sehend. In guter Teamarbeit und regelmäßiger Absprache haben wir gemeinsam dieses gelungene Event auf die Beine gestellt! Deshalb soll mein Fazit sein: Seid mutig! Auch, wenn Eure Idee am Anfang vielleicht verrückt oder zu groß klingt – das heißt lange noch nicht, dass sie nicht umzusetzen ist.
Fanny Bui, 17.07.2025
Einige Eindrücke
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Erstes Kennenlernen mit Spielen und Pizza im Umweltzentrum
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Während der Stadtführung erkundet die Gruppe die Pinguine |
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Eine Gruppe im SMAC.
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Das Konzert in der Holzkirche als krönender Abschluss |
